Darüber spricht man(nicht) – Episode 1: Vergib Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun… Essay zu Reinszenierungen, (Miss-)BRAUCH-TUM und das Aufrechterhalten von Dysfunktionalitäten

Veröffentlicht am 1. Juli 2023 um 19:26

Da gibt es eine Form – ein gesellschaftliches Muster, das von den sexistischen Patriarchen gewoben wurde: eine Körperform, welcher du entsprechen musst, samt einer Bewegungsart, einer Gangart, welche du an den Tag legen musst, geknüpft an ein Verhalten, welches du inszenieren musst. Wenn du diese Schablone des „erwünschten weiblichen Verhaltens“ perfekt zu kopieren weißt, dann bewegst du dich in dieser kranken diabolischen Welt als verdeckte Lichtbringerin. Die sich ihres wahren Strahlens nicht bewusst ist, und ständig nur gebeugt und missbraucht wurde.“ ….ganzen Essay lesen:

Tagesbewusstsein. Besser. Klarer. Ziele. Liste. Ort. Leben.

Ich ging gestern erstmalig seit langem ohne Smartphone zum Spielplatz des Lebens. Ich fühlte mich ganz anders. Ich fühlte mich. Ich fühlte mich. Ich fühlte mich. Ich spürte das Wasser. Ich fühlte den Wind. ES fühlte sich so gut an. Ich kam in Kontakt mit mir selbst und mit meinem Kind. Ich kletterte ganz anders als sonst, ich probierte völlig neue Dinge aus. Und ich war erschüttert vom „Vorher-Nachher Vergleich“, wenn ich mich an meinen letzten Besuch davor erinnerte: Wie verzweifelt ich doch noch auf der Suche war nach „Tinder-Nachrichten und potentiellen Männern“ beim letzten Besuch davor. Diese vermeintliche Sehnsucht, diese Abhängigkeit, dieses „Glauben an“…dieses „Suchen nach“, dieses „Wollen von“…ist einfach absolut gestört. „Männer-Narrisch“, sagte sie zu uns armen, missbrauchten Mädels früher.

Es ist ganz einfach darzulegen: Da waren A) keine Menschen die dir Sicherheit, Selbstwert oder absichtslose Liebe gaben und B) Menschen, die dir ständig körperlich weh taten, dich emotional und sexuell missbrauchten und dir damit c) lernten, Aufmerksamkeit in deinem Gewahrsein ganz normal mit respektloser Behandlung und sexuellen Kontakten zu verknüpfen.

Das wurde somit als „normal“ angelegt. Narzisstische Verhaltensweisen? Ganz normaler Umgang, den du halt durchleben musst/mit dem du umgehen gelernt hast. Instabile Persönlichkeiten, welche an einem Tag die Sonne und am nächsten Tag das Gewitter sind? Welcome to my daily childhood. Erwachsene Menschen, die ständig deine Grenzen überschreiten, emotional als auch körperlich, nur um ihre Bedürfnisse nach Anerkennung und Nähe zu befriedigen? Meine Funktion als Kind: Das Aufrechterhalten eines dysfunktionalen Systems.

 

Und genau das machen wir dann als Erwachsene: die selben Menschen mit ähnlichen Mustern immer wieder reinszenieren, weil darin fühlen wir uns wohl, weil darin kennen wir uns aus, weil daran sind wir gewohnt. Und dann laufen wir weiter im unbewussten Schmerz und beweisen uns im : Aufrechterhalten eines dysfunktionalen Systems.

Diese Systeme: Nähren uns nicht, bringen uns nicht weiter, lassen uns ständig „bloß überleben“, triggern unser Nervensystem ständig an, lassen uns nicht sein, wer wir wirklich sein können.

Lassen den Empathen in uns ständig einfühlen, verstehen und interpretieren, warum das Gegenüber denn so oder so handelt und wenn das Gegenüber doch ein Herz hat, dann wird das schon irgendwann so oder so sein.

Als Kind von „solchen Eltern“ bist du es gewohnt, dass verbal unpassend kommuniziert wird, mit Gefühlen völlig verletzend umgegangen wird, dass du alles gibst, um dich einerseits zu schützen und andrerseits doch mal irgendwie gesehen zu werden.

Doch eines durfte nie geschehen: dass du deiner selbst wegen, unangepasst und frei von Fremdbestimmung, geliebt und gesehen wurdest. Dass da jemand war und sagte: du bist wunderbar so wie du bist, du bist schön so wie du bist, du bist richtig so wie du bist.

Nein, da war niemand.

Sie sagten dir, wie du zu sein hast, was an dir falsch ist, wie kompliziert du bist und da gab es dieses eine Nadelöhr, diese eine Hoffnung, die mir erlaubte, mich doch in eine andere Szene zu setzen, in einem anderen Licht zu scheinen: ich wurde zur Frau und bekam eine besondere Form von Aufmerksamkeit geschenkt – sei es durch meine körperliche Erscheinung…sei es durch meine infantile Ausstrahlung, …von klein auf war ich es gewohnt, dass Männer mich „anmachen“…jetzt stellt sich die Frage:  Dass sie mich anmachen, innerlich, oder das ich sie anmache, äußerlich?
Tja, das Rätsel bleibt wohl ungelöst.

Es ist einfach widerlich, Pure Widerlichkeit. Wenn ich mich daran erinnere, wie Schulbusfahrer mich sexuell belästigen und mit mir in den Wald fahren wollen. Wenn ich mich daran erinnere, wie der Jäger mich ständig in meinem Kindes-Glanz anhimmelt. Es ist widerlich daran zu denken, wie ich als noch fast Kind in der Therme rumgehe und dicke, alte Männer mir ihre Zungen zeigen. Es ist widerlich daran zu denken, wie die Männer mir, sobald ich auch nur einen Hauch von Busen oder Hüfte bekam, mit ihrem Catcalling überall zu hören gaben „oh, du bist eine Frau, wir finden dich geil, und das dürfen wir dir überall auf jegliche Arten und Weisen zeigen.“

 

Da gab es dieses teuflische Nadelöhr, in das ungesehene Kinder reinschlupfen können, um endlich einen Funken von Besonderheit/Aufmerksamkeit zu bekommen: sich im Schein dieser destruktiven Form von Aufmerksamkeit und Sexualität zu verstecken. Da gibt es eine Form – ein gesellschaftliches Muster, das von den sexistischen Patriarchen gewoben wurde: eine Körperform, welcher du entsprechen musst, samt einer Bewegungsart, einer Gangart, welche du an den Tag legen musst, geknüpft an ein Verhalten, welches du inszenieren musst. Wenn du diese Schablone des „erwünschten weiblichen Verhaltens“ perfekt zu kopieren weißt, dann bewegst du dich in dieser kranken diabolischen Welt als verdeckte Lichtbringerin. Die sich ihres wahren Strahlens nicht bewusst ist, und ständig nur gebeugt und missbraucht wurde.

Und niemand weiß, was da überhaupt geschieht, denn sie wissen nicht, was sie tun: weder die Männer, noch die Frauen. Weil das diabolische System sich der niedrigsten Instinkte und Triebe auf völlig destruktive Art und Weise bedient. Unhinterfragt und völlig selbstverständlich. Es beginnt mit den Bildern von Frauen. Es beginnt mit ihren Rollen in Märchen, Geschichten und Filmen. Es beginnt mit trügerischen Glaubenssätzen. Es beginnt mit Komplimenten und Belohnungen, die immer nur eine Absicht verfolgen: Sex. Abhängigkeiten. Degradierung.

Weit weg von: wahrer Liebe, Potenzialentfaltung. Augenhöhe. Miteinander. Achtsamkeit. Bewusstsein.

Denn sie wissen nicht, was sie tun. Weder die Männer, noch die Frauen.

Autorin und Copyright: Daniela Gaich