Das Porzellan – Essay zum Zusammenhang von Geschirr & transgenerationalen Traumata

Veröffentlicht am 26. Juni 2023 um 18:21

Die Tasse ist noch immer kaputt – zerbrochen, fragil und: defekt. Nur mit dem Unterschied: dass sie unser Haus verlassen hat. Die Reinigung war wieder einmal mehr Thema in unseren eigenen vier Wänden des Seelenhauses und so geschah es, dass wir uns dazu entschieden, einen Abschied von unliebsamen, unnötigen Geschirr zu organisieren. Darunter auch Tassen von der Schwägerin der Großtante – wohl ein Inbegriff von Kriegstraumata-Mensch. Unfähig zu Empathie, Autorität bis in den letzten Blick hinein.


Ich werde den Tag, an welchem ich diese weitschichtig verwandte Schwägerin kennenlernte, wohl nie vergessen.

Diese Dame, wohl schon über 70 Jahre alt, löste durch ihre bloße Anwesenheit sofort das spürbare Erleben von Dominanz aus. Obwohl sie körperlich schon sehr gebrechlich war, zart und mager. Weiße Haare. Oma-Haut. Reichten ihre Worte von <<junge Dame, sie sollten wohl besser wärmeres Gewand anhaben, so ist es doch viel zu kalt>>, um mich erschaudern zu lassen.
Der Satz an sich ist vielleicht schon mal unpassend, einem fremden Menschen gegenüber. Doch es war mehr die Tonlage an sich, als der Inhalt der Worte. Die unbenannte Energie, welche in den Tönen mitschwang.
In den Tönen, in der Stimme, in den Körpern dieser Menschen – egal ob Großtante oder Schwägerin – lag so viel Spannung, so viel Energie.

So viel Unausgesprochenes. So viel Härte. So viel Ungeahntes.

So vieles, dass einen erschaudern lies, und Angst haben davor, was als nächstes gesagt werden könnte.

Wenn man diese geplagten Geister damit konfrontierte, dass sie genau das in einem auslösten: Angst.

Das Gefühl des Ausgeliefert-Seins an eine gewisse Art von Dominanz oder Autorität, dann interessierte das genau jene Menschen nicht im Geringsten. Sie sagten weder etwas dazu, noch horchten hin.

Am ehesten passierte es noch, dass man es mit dieser Aussage wieder einmal mehr schaffte, sie in pure Aufregung und Empörung zu versetzen. In welcher sie sich dann wieder einmal mehr in der Härte ihres Wesens präsentieren konnten. Bloß nicht jammern. Bloß keine Gefühle zeigen.

 

Da war also dieser Tag, an welchem wir unser Geschirr durchsortierten. Und da war das Porzellan-Service von der Schwägerin der Großtante. Es stand symbolisch für das, was die Familie von Grund auf verkörperte:

Ungelebtes Leben. Staatslinientreue Denkmuster. Gesellschaftskonforme Konventionen. 

 

Das Porzellan stand da im Schrank – edel und anmutig, von ästhetischem Anblick. Mit gewissem symbolischen Wert verstehen, welcher monetär bedeutsam ist. Mit der Absicht, das gute feine Leben zu repräsentieren.

 

Zum Beispiel: Schönes Geschirr wird nur in jenen scheinbar lebendigen Momenten des Lebens verwendet, wenn dementsprechende Gäste im Haus bewirtet werden. Denn das ist wichtig! Schönes Geschirr.

Eine der Seiten, die ich am meisten an dieser Großtante ablehnte und verurteilte, war ihre ungute Art, sich über Menschen und deren „materielle Ungenügsamkeiten“ abwertend auszulassen. Das konnte alle materiellen Dinge des Alltagslebens von anderen Menschen betreffen: Die Wohnsituation samt Mobiliar, das Geschirr, welches ein Mensch verwendete. Egal ob es um Gläser oder einem Lampenschirm ging: mehr als einmal erlebte ich mit, wie sie sich über die Menschen aus ihrer direkten Lebenswelt abwertend äußerte, um deren Lebensstil zu verurteilen.

Weil er ihrer Erwartung nach nicht angemessen genug erschien. Dieses Abwerten von Gegenständen, und der Menschen, welche diese besaßen, war auch verbunden mit jener Situation, welche für mich wieder einmal mehr als absolut grenzüberschreitend wahrgenommen wurde: Sie schenkte mir neue Blumentöpfe. Verbunden mit den Worten <<die bekommst du, weil jene, die ihr bisher verwendet, passen wohl nun überhaupt nicht zu eurem Leben>>.

Tja, wie oft habe ich sie bedauert, weil sie ihr vermeintliches Glück wohl von der Form und Beschaffenheit eines materiellen Gegenstands abhängig machte. Anstatt zu erkennen, dass es wohl eher wichtig wäre, ein nobles Geschirrtuch aus feinem Stoff öfter liegen lassen zu können, um aus fremden Tassen irgendwo anders auf dieser schöner bunten Welt andersschmeckenden Kaffee zu genießen.

Während man dem Wind aus fremden Welten lauscht.

Doch das war ohnehin ein Charakteristikum an sich: die eigene Lebenswelt, die eigenen Ansichten, die eigenen Umstände wurden bis aufs letzte Wort verteidigt. Sei es dahingehend, wie man seine Wäsche wäscht, wie man Haushalt generell führt, wie man seine Freizeit samt Gartenanlage gestaltet, und wie man überhaupt über Leid und Leben zu denken hat.

Ganz wichtig: das Leid.

Es war eine allumfassende, nicht direkt ausgesprochene, aber immer wieder erwähnte Grundannahme, die stets latent mitschwang: Das Leben ist nun mal schwierig und problembehaftet. Das eigene Leben ist nun mal mit Leid versehen. Weil es dir abverlangt dein Leid hinzunehmen.

Dich zu arrangieren mit all den Umständen die dir widerstreben.

Denn wichtiger als deine eigene Lebens-LUST ist das schöne Porzellan-Geschirr, dass da im Schrank steht: unbenutzt, ungesehen, ungelebt und ungeliebt.

Verstaubt. Die Seele erstickend.

Die Pädagogik Hitlers, mit all ihren Mechanismen von Angst, Unterwerfung und Brutalität, wirkt noch immer über Generationen hinweg tief verwoben nach.

Unausgesprochen, unerkannt, unbewusst.

Und weiter spülen sie das Geschirr von Hand, weil sie meinen es sei besser zu leiden und zu funktionieren, als den Geschirrspüler zu verwenden und sich in dieser Zeit mit Leichtigkeit ein bisschen Lebensfreude zu gönnen.