Das Märchen von den Großen, den Kleinen, der Schule und den Herzenswünschen

Veröffentlicht am 10. Februar 2023 um 13:31

Glaubst du noch an die Märchen von den Großen und den Kleinen?
An die Existenz von Königinnen, Prinzessinnen, die Magd und das Aschenputtel?
Meinst du, es ist naturgegeben, dass es eine starke, mächtige Königinnen-Biene neben den Arbeiter-Bienen geben muss?

Während meine Familie und ich zum Kindermusical „Aladdin“ fahren, unterhalten sich meine Tochter und ihr Cousin auf der Rücksitzbank des Autos:

<<Sei froh, dass du noch im Kindergarten bist. Du musst nur malen den ganzen Tag!>>

<<Wie meinst du das denn? Nur malen? Ersten muss ich nicht, sondern KANN ich malen. Und, ich freu mich doch auf die Schule?!>>

<<Ach, du verstehst das noch nicht. Seit ich in der Schule bin, muss ich den ganzen Tag nur Befehle ausführen. Es geht um nichts anderes mehr, ich bin nur noch ein Befehlsempfänger>> .

Ich denke nach, über Aladdin und Jasmin, über Walt Disney.

Darüber, dass ich jetzt als Frau selbst zu einer Aufführung gehe, in welchem ein Märchen schauspielerisch-künstlerisch an die Kinder dieser Generation transportiert wird, welches ich selbst als Mädchen Tag ein, Tag aus auf einer Hörspielkassette aufgesaugt habe.

Wie viele Generationen lang dieses Märchen nun schon existiert, weitertradiert wird. Millionen von Menschenköpfen samt Seelen beeinflusst.

Viele der Walt Disney Märchen lese ich meiner Tochter nur in stark abgewandelter Form vor. Ich bringe es nicht übers Herz, die starke Brutalität und Gewalt, das vorherrschende Patriarchat und die vielen Abgründe von Menschlichkeit in ihren Kinderohren klingen zu lassen.

Dennoch gibt es da diese ganz intensive Anziehungskraft zu Tinkerbell, Feenpulver, zu den weißen Wangen von Schneewittchen und zum Meeresrauschen in Arielle, die Meerjungfrau.

Es steht mir doch frei als Mutter, Märchen so zu erzählen, wie sie für mich stimmig klingen: Oft ändere ich nur eine Nuance im Ton, verwandle ein Wort in ein anderes, und die gesamte Szene der Geschichte verändert sich.
Ich war selbst fasziniert als Kind von Aladdin und dem fliegenden Teppich.

Als ich mich kurz einlese in die Kindermusical-Beschreibung steht da, dass der Protagonist sein Schicksal selbst in die Hand nimmt – er steigt aus, aus seinem gesellschaftlich verankerten Klassen/Kasten-Schicksal – kämpft und gewinnt mit seinem reinen Herzen – und: letztendlich wird das Patriarchat der Königsfamilie in der neuen Aufführung ebenso aufgebrochen. Jasmin wird nun die neue Herrschende. Inklusive selbstbestimmter Heirat eines Mannes ihrer Wahl aus niedrigerem Stande.

Hoch, niedrig. Herrscher, Volk. Reich, Arm. Groß, Klein.

Schon als Kind war ich fasziniert vom Umstand, dass es für die Existenz eines jeden (Eigenschafts-)Wortes sozusagen ein Gegenteil gibt, welches notwendig ist, um dessen Existenz überhaupt beschreiben und legitimieren zu können. Damit einher geht jedoch ganz stark das Kategoriendenken, das Einsortieren in Stereotype. Das ganz starke und oftmals zu starre ENTWEDER ODER.

Entweder bemühst du dich, oder du kommst nicht ans Ziel.

Entweder gehorchst du, oder du musst mit den Konsequenzen leben.

Entweder machst du das, was alle machen, oder du fällst auf.

Das Musical ist aufgrund der Tonqualität eher mittelmäßig, berührt mich nicht wirklich im Herzen. Doch die Worte dahingehend, dass der Cousin meiner Tochter seine Befindlichkeiten zum Schulsystem mitteilt, wirken noch lange nach in mir.

Keine Neuigkeiten, keine bahnbrechende Erkenntnis. So viel ist bereits im Wandel. So viele Menschen gehen bereits andere Wege und setzen sich ein für eine Transformation des „geheimen Lehrplanes“ (vgl. Ivan Illich), der da im Regelschulsystem so mitschwingt.

Wenn da der Dschinni zu mir kommen würde, raus aus der goldenen Wunderlampe, dann würde ich mir wünschen:

  1. Das gesamtgesellschaftliche Auflösen des Musters „du musst erst etwas werden, so wie du bist, bist du nicht gut genug“.
  2. Die Transformation von bestehenden gesellschaftlichen, kapitalistischen Hierarchien welche Menschenwürde als auch Mutter Erde blindlinks zerstören.
  3. Dass jedes Kind seine 3 tiefsten Herzenswünsche erfüllt bekommt.

In meiner Arbeit im Kinderechte-Kunstprojekt zum Thema „Wie wünschst du dir deine Zukunft?“ hat es mich zutiefst berührt, dass beinahe alle Wünsche der Kinder und Jugendlichen WERTE beinhalten, und deren Wünsche in keinster Weise an materialistische Dinge gebunden waren: Friede, Liebe, Miteinander, Fröhlichkeit, Freiheit, Umwelt- und Tierschutz – not really able to buy – but necessary to create with our mindsets and actions.

Werte vor Profit. Mein Herzenswunsch spiegelt sich im Außen. Auf den CDs, welche die Kinder und Jugendlichen mit ihren Wünschen beschrifteten.

Vom Haben zum Sein (vgl. Erich Fromm).

Das, was wir „Erwachsenen“ oftmals lange und mühsam wieder lernen müssen, nachdem wir jahrelang durch das kapitalistische System als Befehlsempfänger durchgeschleust wurden, können Kinder ganz von selbst: einfach SEIN. Mitten im Moment. In der Magie des Lebens. Dem Zauber vertrauend. Frei von Entweder Oder.
Komm schon lieber Dschinni - rette unsre Welt.

Und jaja,“ natürlich gibt es „Grosse“ und „Kleine““, und, jaja, „es ist ja naturgegeben dass wir Menschen wachsen, uns entwickeln. Dass es Gruppen gibt, die eben Organisation brauchen“.
Doch der springende Punkt ist:

Welche Bewertungen gehen damit einher? Welche Möglichkeiten werden geboten oder verwehrt? Welche Privilegien bekommt wer? Wer manipuliert wen und wozu?

Wir dürfen ständig lernen, jeden Tag ein Leben lang. Miteinander und voneinander.

Und um diesen Beitrag mit den Worten aus Peter Pan abzuschließen:
"Don’t grow up – it’s a trap".

Autorin und Copyright: Daniela Gaich