Die Tasse

Veröffentlicht am 6. Februar 2023 um 20:59

Mein Horoskop offenbart mir Glück, Magie, Erfolg, Glitzer mit Feenstaub und Leichtigkeit samt „Zugaben“, das darf ich dankbar annehmen. Die vor mir sich darbietende Natur ist bereits in ihrer vollen Kraft, die ersten ausgesäten Blumensamen treiben sogar schon aus, und es fühlt sich schon wie Sommer an. Wir spielen früh morgens mit den Uhrzeiten, tauchen ein in die Welten von (uns) starken, bedeutsamen Frauen, und küssen uns liebevoll.

Auch Vincent bekommt einen Kuss von mir, auf seine Stirn, nachdem ich aufwache… er freut sich sehr. Er kann Liebe auffassen, er kann sie geben, er fordert sie auch ein. Wir sind unsere Familie.

Heute früh glitt mir meine wunderschöne Kaffeetasse, welche mir meine beste Freundin erst vor ein paar Wochen geschenkt hat, aus den Händen. Just in diesem Moment, in welchem sich innerlich die Szenen mit Vincent seiner Großtante vor meinem inneren Auge wiederholen, in welchen sie uns – insbesondere Vincent – als Ungeimpfte degradiert und beschimpft – zerbricht die Tasse, fällt zu Boden.

In viele Teile und Stücke. Ich sehe in Zeitlupe, wie der Kaffee, welcher sich in der Tasse befand, zusammen mit Splittern, sich in der ganzen Küche verteilt. Weiße Wände und scheinbar glänzende Oberflächen damit befleckt werden. Ich stehe da und sehe den Vorfall vor mir: Ein Haufen voll Scherben. Nicht mehr zu kitten. Was zerbrochen wurde, auf so eine intensive Art und Weise, lässt sich nicht mehr reparieren. Das Einzige, was bleibt, ist die Möglichkeit der Reinigung.

Auch wenn manche Flecken an der weißen Wand von diesem Malheur nie wieder unkenntlich gemacht werden können… Es ist eben anders, im echten Leben, in meinem Leben, als die jahrelang tradierte Strategie von „mal eben schnell drüber wischen und weitermachen“.

Nein. Was gesagt ist, ist gesagt, zerbrochen ist zerbrochen. Meine Tröstung: Ich entscheide, mit welchem Gefühl ich die Scherben beiseite räume und diese entsorge. Ich selbst hab es in der Hand, mein „Seelenhaus“ samt Boden und Wänden wieder in einen Zustand zu bringen, welcher mich mit Reinheit und Geborgenheit einhüllt. Ob das zu Boden fallen einer Keramik-Tasse in einem unbedachten Moment oder die unliebsamen, stark beurteilenden Worte eines herzerstarrten Menschen: Beides macht Riesenkrach, erzeugt eine Wucht und lässt einen erschrocken dastehen, erzeugt ein anfängliches Gefühl der Überforderung.

Das Gute: die Tasse meiner besten Freundin hat eine „Vorgängerin“. Ich bekam schon einmal eine Keramiktasse mit Frühlingsblumen-Muster von ihr geschenkt. Den nächsten Kaffee genieße ich einfach zufrieden und beruhigt in dieser Tasse. Wohlwissend, dass meine Freundin selbst das größte Geschenk für mich ist, und die von ihrer geschenkte, nun zerbrochenen Tasse eine Geste der Zuneigung war, an welchen noch viele in unserer gemeinsamen Zeit folgen werden.

Das vielleicht ebenso „Gute im Unschönem“: Ich verstehe, dass die Macht von bösen Worten der Großtante nüchtern betrachtet werden dürfen, von mir als „Unfall menschlichen Unvermögens zu Empathie“ betrachtet werden dürfen. Diesen Unfall lasse ich hinter mir. Gereinigt, gesäubert. Ich lächle, die Sonne scheint, das gute Leben um mich. Liebe und Dankbarkeit sind meins.
Autorin und Copyright: Daniela Gaich